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04.09.2606:46 UhrBeiträge

Wissen teilen ist Demokratie leben

Eine funktionierende Demokratie braucht vor allem eins: Engagierte Menschen, die sich informieren, mitreden und mitgestalten. Genau hier kommt die Wikipedia ins Spiel: Sie macht Wissen für uns alle frei zugänglich und schafft damit eine wichtige Grundlage für informierte Entscheidungen und gesellschaftliche Teilhabe. Gleichzeitig ist sie als größtes Mitmachprojekt der Welt selbst ein Beispiel für gelebte Demokratie. Zum Auftakt unserer neuen Blogserie „Wissen teilen ist Demokratie leben“ zeigen zwei Wikipedia-Aktive aus Hannover, warum jeder Edit auch ein Stück Demokratiearbeit ist.

MOR für Wikimedia Deutschland, CC BY-SA 4.0

Von Patrick Wildermann

Demokratie lebt von Beteiligung. Aber damit die Bürger*innen sich einbringen und informierte Entscheidungen treffen können, brauchen sie verlässliches Wissen und eine gemeinsame Faktengrundlage – das gilt besonders vor Wahlen. Wikipedia bietet diese Informationen kostenlos und frei zugänglich. Die Vielzahl von Artikeln zu Politiker*innen, Parteien, den Abläufen verschiedener Wahlen oder auch zur Demokratiegeschichte in Deutschland werden von einer engagierten Community sorgfältig recherchiert, geprüft und verständlich aufbereitet.

Gleichzeitig gibt es wichtige Projekte: Wiki Loves Parliaments widmen sich speziell der Darstellung von Landtagen und ihrer Zusammensetzung. Wiki Loves Democracy wiederum verhilft demokratischen Vereinen, Institutionen und Strukturen zu mehr Sichtbarkeit in der Wikipedia.

„Das Mitmachen in der Wikipedia selbst bedeutet einen Beitrag zur Demokratie“, findet der Wikipedianer Kupaka. Schließlich demokratisiert die Online-Enzyklopädie Wissen – und sie funktioniert selbst nach demokratischen Prinzipien: alle können mitmachen.

"Wir wissen aus Umfragen, dass eine Mehrheit der Deutschen die Demokratie als Regierungsform unterstützt – aber viele sind mit ihrem Funktionieren nicht zufrieden. Wer an Wikipedia-Artikeln mitwirkt, hilft, das Funktionieren zu verbessern."

Bärbel Miemietz, Ehrenamtliche


NGOs in der Wikipedia sichtbar machen

Ein konkretes Beispiel dafür ist der Edit-a-thon „Editiere Deine Lieblings-NGO“, den die beiden vor kurzem im lokalen Raum Wikipedia:Hannover erstmals organisiert haben – als Teil von „Wiki Loves Demokratie“. Der Impuls dazu kam von Kupaka: „Mein Ausgangspunkt war der weltweite Rechtsruck“, erzählt er. „Ich wollte sichtbar machen, welche vielfältigen Organisationen es in der Zivilgesellschaft gibt, die sich dieser Entwicklung entgegenstellen, indem sie verschiedene Bereiche der Demokratie stärken.” Oftmals geraten NGOs ins Visier der Rechtspopulisten und Rechtsextremen, besonders, wenn sie staatliche Förderung erhalten.

Für die Schreibwerkstatt – an der auch Ehrenamtliche aus Berlin und München sowie weitere Online-Teilnehmende mitgemacht haben – erstellte Kupaka eine umfangreiche Liste von demokratiestärkenden und zivilgesellschaftlich relevanten Organisationen, deren Wikipedia-Artikel ausbaufähig sind oder die noch gar keinen Eintrag besitzen. Die Spanne reicht von Organisationen, die sich für Demokratie, Menschenrechte und Korruptionsbekämpfung einsetzen, über Faktenchecker*innen wie HateAid bis hin zu Umweltschutzorganisationen wie dem NABU. Bärbel Miemietz, die als Wikipedianerin einen Schwerpunkt auf Gleichstellungsthemen hat, widmete sich während des Edit-a-thons beispielsweise dem Deutschen Ärztinnenbund.


„Die Themen fliegen einem zu“

Die Veranstaltung hatte so viel positive Resonanz, dass im November eine zweite Ausgabe folgt. Die beiden Wikipedia-Aktiven wünschen sich, dass dann möglichst viele der insgesamt sechs von Wikimedia Deutschland geförderten Lokalen Community-Räume ihre Türen für Teilnehmende öffnen. Und dass sich noch mehr Neulinge für den Edit-a-thon interessieren. Denn willkommen sind natürlich nicht nur gestandene Wikipedianer*innen, sondern alle Interessierten.

Vielleicht ist der Benefit der Arbeit in der Wikipedia manchen noch nicht klar genug: dass man damit eine große Reichweite hat und viel bewegen kann.

Kupaka, Ehrenamtlicher

Er selbst investiert fünf bis zehn Stunden pro Woche in die Wikipedia-Arbeit, befasst sich vor allem mit Themen im Bereich natürliche Rohstoffe, Treibhausgase oder europäische Klimapolitik – „da ist vieles in der Pipeline, das noch bearbeitet werden müsste“, so Kupaka. Für Bärbel Miemietz ist ihr Ehrenamt sogar „mindestens ein Halbtagsjob.“ Eigentlich sei sie im Kopf immer mit Wikipedia beschäftigt, fotografiert neben der Artikelarbeit auch. „Wenn ich in Hannover durch die Straßen laufe, sehe ich ständig Motive, die ich gerne bei Wikimedia Commons hochladen und in Artikel einfügen oder mit Wikidata verknüpfen möchte. Die Themen fliegen einem zu!“

Doch selbst wer nur die Zeit hat, eine kleine Änderung in der Wikipedia vorzunehmen, leistet einen wertvollen Beitrag. Jeder Edit zählt.


Wünsche für die Zukunft der Demokratie

„Nur sein Kreuz bei Wahlen zu machen, das genügt nicht mehr für die Stärkung der Demokratie“, ist Kupaka überzeugt. „Gerade dann nicht, wenn sie unter Druck gerät.“ Schon deswegen hält er es für sinnvoll, sich durch die Arbeit in der Wikipedia demokratisch zu engagieren. Bärbel Miemietz ergänzt, was sie als klare Botschaft von der diesjährigen Wikimania in Paris mitgenommen hat:

Wikipedia ist einer der letzten Orte, an denen Texte noch von Menschen geschrieben, geprüft und mit renommierten Quellen belegt werden – das macht sie verlässlich. Nur durch Menschen kann auch neues Wissen entstehen, während eine KI lediglich Vorhandenes reproduziert.

Für die Zukunft der Demokratie hat sie einen klaren Wunsch: „Dass sie uns erhalten bleibt – und mehr Menschen realisieren, dass sie keine Selbstverständlichkeit ist.“ Die Populisten machten einem sehr genau vor, was es zu vermeiden gelte, zählt Kupaka auf. Zum Beispiel: „Die Verdrehung von Fakten, Schwarzweiß-Denken, die Abwertung von politischen Gegnern.“ Das Gegenteil davon sei anstrengender und koste mehr Zeit, aber es bleibe unerlässlich, betont Bärbel Miemietz: „Sich informieren, einander zuhören, gemeinsam klären, was die Fakten sind“. Auch dafür ist die Wikipedia das beste Beispiel.

Von Patrick Wildermann